Spiele mit Andribbeln – aber ohne Tempo
Es muss um 2014 gewesen sein. In Wannsee beim Berliner Fußball-Verband (BFV) gab es eine Fortbildung. Trainer und Auswahlspieler der U12 kamen zusammen, um unter klirrender Kälte bei viel Bewegung voneinander und vom Trainerstab zu lernen. Unter ihnen: Ein Junge mit einem heutigen Marktwert von mehr als 27.000.000 Euro. Ob dieser Lazar Samardzic bereits Spieler von Hertha BSC war oder erst zu den Charlottenburgern wechselte, ist mir entfallen. Bekannt ist aber, dass er (heute 24) nun in Italien bei Atalanta Bergamo kickt. Für die Nationalmannschaft seines Geburtslandes ist der Berliner leider nicht verfügbar.

Was hat das mit dem frühen Ausscheiden der Deutschen Nationalmannschaft beim WM-Turnier 2026 zu tun? Mich hat beeindruckt, wie scheinbar mathematisch bestimmte Bewegungen durch die jungen Auswahlspieler immer wieder geübt wurden. Der damalige leitende BFV-Verbandstrainer Henry Rehnisch, ein ausgebildeter Pädagoge (heute im Trainerstab der Jugend des 1. FC Union), predigte seine Anweisungen geradezu. Die Talente wiederholten wörtlich wie in der Schule und führten vor. „Andribbeln, Tempo aufnehmen, Abschluss“ hieß es da zum Beispiel. Von Rückwärtsgang ohne Not oder dribbeln fast im Stand mit dem Blick auf die Spielfläche war keine Rede. Wie es gehen kann, zeigten die aggressiven Spieler des letzten Gegners aus Paraguay. War es nicht ein Kopfball-Traumtor, das in der 1:0-Führung gipfelte? Andribbeln, Tempo aufnehmen, was Sinnvolles folgen lassen. Fast wie damals bei Henry Rehnisch.
Es ist immer einfach, einzelne Akteure zu Sündenböcken zu machen. Auch Häme ist schnell und billig im Spiel. Man wird aber fragen dürfen, wer ernsthaft dachte, mit Alibifußball in einem Nationalteam irgendetwas erreichen zu können. Wer träumte da von einem WM-Titel 2026? Vor wenigen Tagen hieß es in der Bild nach dem 2:1 gegen die Elfenbeinküste noch „UnsUndav“ in Anlehnung an den einst großartigen Kämpfer und Mittelstürmer beim Hamburger SV. „Uns“ Uwe Seeler (+ 85) war sich aber für nichts zu schade, hielt seinen Kopf in jede Flanke und hatte die technischen Grundlagen auch mit Körperverdrehungen das Tor noch anzusteuern. Echte Typen sind nun im aktuellen Kader der Auswahl kaum zu finden. In der behäbigen Mannschaft des DFB mit einem scheinbar großartigen Auftakt gegen einen Fußballzwerg (7:1 gegen Curacao) taten manche nur, was sowieso unbedingt nötig ist (Tah, Rüdiger, Neuer). Andere (Wirtz und Sané, auch Musiala) zeigten wieder einmal, dass Wahnsinnsablösesummen und Gehälter kein Beweis für Leistungsfähigkeit sein müssen. Spieler mit noch zu wenig Erfahrung konnten kaum überzeugen, während ein anderer Emporkömmling bis auf ein paar Minuten gar nicht zum Zuge kam, auch noch in der Lotterie des Entscheidungsschießens versagte (Woltemade).
Jetzt ist es vorbei. Bierlokale werden die Umsatzerwartungen drosseln müssen. Die 80.000000 „Bundestrainer“ – wieder laut Eigen-Werbung in dem Springerblatt – werden Köpfe fordern. Vermutlich auch den von Bundestrainer Nagelsmann, der fast schon bockig, bestimmte formschwache Spieler immer wieder einsetzte. Klar, einen Kane oder Messi haben wir in Deutschland nicht. Aber eine Menge Co-Trainer und „Mittäter“ im Staff. Die phantasielose Art, die Standards auszuführen, war bald nicht mehr zu ertragen. Gut, das schöne scheinbare Kopfballtor nach Ecke durch Tah zum 2:1 für Deutschland hätte auch anerkannt werden können. Der VAR hat wieder mal interveniert, dabei sollte ursprünglich einmal nur eine klare Fehlentscheidung zum Einschreiten führen. Der Unparteiische konnte so wohl nicht anders entscheiden. Auf dem Platz hatte er es bei keiner schlechten Sicht anders beurteilt. Egal, Schluss wäre mit dieser Mannschaft spätestens in der nächsten Runde gewesen. Nun können einige Spieler wenigstens früher in die Ferien, ersparen sich den weiteren Reisestress innerhalb des Turniers.
Ach ja: meine Favoriten auf den Titel? Da gibt es noch einige, die nenne ich aber nicht gerne. Wenn es aber unbedingt sein soll, tippe ich auf Frankreich. Die beherrschen so schön Andribbeln, Tempo aufnehmen, Abschluss.
Frank Toebs

Fotos: Toebs/Sportick




